Heinz-Westphal-Preis

H|W|P - Die Dokumentation

Lambda Berlin - Brandenburg e.V.

Die Idee

Immer wieder kamen Schüler, Auszubildende und Leute in unserem Alter zu uns, die erzählten, dass an ihrer Schule ständig homofeindliche Sprüche zu hören seien. Sie haben Angst, sich als schwul, lesbisch, bi oder trans*queer (lsbt*) zu outen oder mit anderen darüber zu sprechen. Daher fragten sie uns, was sie dagegen machen könnten. Lehrer_innen trauen sich oft nicht, das Thema anzusprechen, weil sie nicht selber für lsbt* gehalten werden wollen. Also haben wir ein Team gebildet und uns einladen lassen, um in den Schulklassen etwas über lsbt-Lebensweisen zu erzählen und den Schüler_innen einen Einblick in unsere Lebenswelten zu geben. Schließlich haben wir festgestellt, dass es nicht reicht, einfach nur etwas über das Thema zu wissen, sondern auch die Schüler_innen müssen aktiv werden. Deshalb arbeiten wir heute im Projekt „Queer@School” mit Schülervertretungen zusammen, um ihnen bei Projekten und Aktionen gegen Homo- und Transphobie an ihren Schulen zu helfen.

Warum ist diese Idee herausragend?

Wir wollen, dass unsere Arbeit auch nachhaltige Wirkung zeigt, deswegen helfen wir Schülervertretungen, aktiv zu werden. Erst geben wir ihnen einen Input, nicht nur zu lsbt*-Themen, sondern auch über Geschlechterrollen, -kategorien und ähnlichem zu reden. Dann überlegen wir uns gemeinsam, was sie an ihren Schulen machen können, um das Klima für lsbt*-Jugendliche zu verbessern. Das besondere daran ist, dass wir selber Jugendliche sind und deswegen manche Situationen viel besser verstehen, als Erwachsene. „Queer@school” ist ein partizipatives Projekt: Wir Jugendliche bestimmen, was wir vermitteln wollen und wir empowern, also ermutigen andere, sich auch für die Belange von lsbt*-Jugendlichen an ihrer Schule einzusetzen. Wir wissen, dass nicht nur Lehrkräfte und Schulleiter die Schule verändern können, sondern die Schüler selbst.

Die Umsetzung

Es hat sich ein Team von lsbt* Jugendlichen gefunden, die in den Schulklassen lsbt*-Lebenswesen enttabuisieren wollen. Wir haben mit der Zeit unterschiedliche Methoden und Stile ausprobiert, um unsere Themen verständlich und altersgerecht zu vermitteln. Dazu haben wir Methodenkoffer gewälzt, haben vieles ausprobiert und haben Workshopkonzepte erstellt, obwohl manche von uns oft noch selbst auf der Schulbank saßen. Wir haben eine Plakataktion gestartet und daraus eine Wanderausstellung gemacht. Die Betrachter dieser Bilder müssen sich mit ihren eigenen Vorurteilen, Stereotypen und ihrem Eifer, Zuschreibungen zu machen, auseinandersetzen. Es folgte ein Film über den Begriff „queer“ und unser Film „Schulsport war für mich ein rotes Tuch“, bei dem wir einen Einblick in die Erlebenswelt einiger von uns geben, wie wir tagtäglich den stark geschlechternormativen Sportunterricht in der Schule wahrnehmen.

Weitere Informationen zu unserem projekt gibt es auf unserem Projektblog, hier beschreiben wir genau was wir machen.

Welche Auswirkungen hatte das Projekt

Unsere Workshops sind gut angekommen, da wir immer bekannter wurden und immer mehr Schulen bei uns anriefen. Und auch Schüler_innen selbst riefen an. Manchmal sind es nur kleine Geschichten, die wir rückgemeldet bekommen. Einmal war es eine Schüler_in,die sich als Trans* outen wollte – also sich selbst als Mädchen wahr nahm, aber in einem Jungenkörper steckte. Sie bat uns in ihrem Jahrgang einen Workshop zu machen. Als sie sah, wie ihre Mitschüler_innen sich zum ersten Mal ernsthaft damit auseinandersetzen, hatte sie schließlich den Mut sich zu outen. Bei einer Schülervertretung haben sich heterosexuelle und lsbt*-Jugendliche zusammen getan, um eine Kampagne an ihrer Schule zu starten. Auch Hochschulen, die Sozialpädagogen und Heilerziehungspfleger ausbilden, und die Humboldt Universität zu Berlin fragen mittlerweile bei uns an. Sowohl in der Biologiedididaktik, für den Ethikunterricht, als auch im außerschulischen Bereich wurden wir eingeladen, bei angehenden Fach- und Lehrkräften einen Perspektivwechsel anzuregen.

Die Erkenntniss

Wenn man mit Schüler_innen ins Gespräch kommt, sind sich alle einig, dass sie einen diskriminierungsfreien Raum wollen. Nur wissen viele nicht, was das bedeutet. Allein, dass über solche Dinge gesprochen wird, ist für viele eine große Erleichterung. Die Fragen, die uns meistens gestellt werden, zeigen uns, dass die häufigsten Berührungsängste mit lsbt*-Jugendlichen mit der eigenen Identitätsfindung zu tun haben. Oft werden Schüler_innen gar nicht viele Identitätsmerkmale zur Auswahl gestellt. Viele Jugendlichen sind sehr froh, wenn sie sehen, dass es noch mehr gibt. Wir klären nicht nur andere Jugendliche auf, sondern wir klären sie auf, damit sie sich füreinander einsetzen. Und wenn die Schülervertretungen erstmal etwas über das Thema wissen, haben sie Lust, was gegen Diskriminierung zu unternehmen gegen die Tabuisierung von lsbt*-Lebensweisen.

Was können andere daraus lernen

Daraus können andere lernen, dass die Regeln und Modelle, in denen wir leben, oft vorgegeben werden und unhinterfragt übernommen werden. Das aufzubrechen erfordert Mut und Selbstvertrauen. Das ist eine Sache, die lsbt*-Jugendliche während ihres Coming-Out Prozesses lernen. Für andere Jugendliche ist gerade dieser Aspekt total interessant, weil sie sich auch selbst neu erfinden wollen und nicht immer das sein wollen, was ihnen die Gesellschaft vorschreibt. Das Projekt zeigt nicht nur, dass der Dialog über ein tabuisiertes Thema Früchte tragen kann, sondern vielmehr, dass wir als Jugendliche selbst Fähigkeiten, Wissen und Erfahrungen besitzen, um Gleichaltrigen etwas beizubringen und unser Umfeld freundlicher und vorurteilsfreier zu machen. Jugendliche können andere Jugendliche empowern und bestärken. Durch unsere Aufklärung und Unterstützung für Schulprojekte helfen wir, dass die Lebenswelten von queeren Jugendlichen umso sichtbarer gemacht werden.

Projektzeitraum:

01.01.2012 bis 01.07.2013

Kategorie:

Jugendverband / Jugendring

Kontakt:

Lambda Berlin - Brandenburg e.V.

E-Mail:
hallo[at] remove-this.michael-ruben-bandt.de; michael.bandt@lambda-bb.de
Web:
http://www.lambda-bb.de; http://www.queer-at-school.de