Heinz-Westphal-Preis

H|W|P - Die Dokumentation

Deutscher Caritasverband e.V. - Projekt [U25]

Die Idee

„[U25]” ist ein Onlineberatungsprojekt für suizidgefährdete Jugendliche bis 25 Jahre. Diese Jugendlichen werden von speziell ausgebildeten gleichaltrigen Ehrenamtlichen beraten. Denn die Beraterinnen und Berater sind Schüler(innen) und Studierende. Sie werden von einer hauptamtlichen Mitarbeiterin ausgebildet und begleitet. Wenn sich ein(e) suizidgefährdete Jugendliche(r) über die „[U25]”-Plattform mit einer Anfrage (z.B. "ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr leben") meldet, erhält die Person innerhalb von zwei Tagen eine Antwort. Das gesamte Berater(innen)-Team trifft sich 14-tägig zur Supervision und Fallbesprechung.

Warum ist diese Idee herausragend?

Bei „[U25]” beraten junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren im Bereich der Suizidprävention, einem Themenfeld, in dem ansonsten nur professionelle Fachpersonen tätig sind und welches eine enorme Brisanz aufweist. Doch genau das ist das Besondere: Die jungen Klientinnen und Klienten werden von Menschen beraten, die aufgrund des Alters in einer ähnlichen Lebenssituation wie sie selbst sind. Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung ist so, trotz der Anonymität des Internets, deutlich leichter als es mit einem professionellen, aber möglicherweise um Jahre älteren Berater möglich wäre.

Die aktuellen Zahlen des Projektes sprechen für sich: 2012 erreichten das Projekt 1938 Erstanfragen aus ganz Deutschland — In dieser Zahl sind die laufenden Kontakte noch gar nicht inbegriffen. Dieser hohen Zahl konnten die circa 40 jungen Ehrenamtlichen in keiner Weise gerecht werden, denn viele Anfragen mussten mit einer Standardmail vertröstet werden. Im Jahr 2013 expandiert das Projekt. „[U25]” wird von fünf Standorten in Deutschland aus beraten und die Zahl der jungen Berater(innen) steigt dann auf circa 80. So erhoffen wir uns, dass bald wieder alle Ratsuchenden beraten werden können.

Die Umsetzung

Das Projekt startete 2002 in Freiburg mit circa acht jungen Berater(innen). Damals fand die Beratung noch über ein herkömmliches E-Mail-System statt. Mittlerweile hat das Projekt eigene Webseiten, über die sich Ratsuchende anonym anmelden können. Derzeit wird das Projekt auf vier weitere Standorte ausgedehnt, um mehr Kapazität für die Flut an Anfragen zu schaffen. Pro Standort wird „[U25]” von einer hauptamtlichen Mitarbeiterin geleitet. Sie bildet die jungen Berater(innen) aus und begleitet sie bei der Beratung.

Welche Auswirkungen hatte das Projekt

Das Angebot wurde mehr und mehr bekannt, so dass sich immer mehr suizidgefährdete Jugendliche meldeten. Den Anfragezahlen nach zu urteilen stößt „[U25]” auf einen massiven Bedarf, welcher anscheinend durch andere Angebote (z.B. Beratungsstellen vor Ort) nicht gedeckt wird. Viele der Jugendlichen, die bei „[U25]” Beratung suchen, wagen (noch) nicht den Schritt zu Angeboten vor Ort, einer Therapie oder haben die herkömmlichen Hilfsstrukturen schon erfolglos durchlaufen und sehen in unserem Onlineangebot eine Chance, auf einem anderen Wege zurück ins Leben zu finden. Auch lokal ist „[U25]” präsent: Zum Beispiel werden an Schulen Informationsveranstaltungen durchgeführt, in denen über das Tabuthema Suizid aufgeklärt wird.

Die Erkenntniss

Das Thema Suizidgefährdung (speziell im Jugendalter) ist medial und gesellschaftlich völlig unterrepräsentiert, unterliegt einem Tabu und ist sehr stark mit Scham verbunden. Suizidgefährdete Jugendliche haben es deshalb schwer, über ihre Suizidgedanken zu sprechen und können oftmals nur in der Anonymität des Internets offen erzählen, wie es ihnen geht. In Deutschland fehlen niedrigschwellige Angebote zur Suizidprävention - Suizidgefahr ist schnell ein Fall für die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Viele Jugendliche berichten auch von einem völligen Unverständnis ihres Umfelds in Bezug auf ihre nur angedeuteten Suizidgedanken. Diese werden (vermutlich aus Hilflosigkeit) banalisiert und nicht ernst genommen.

Die Erkenntnis aus der Arbeit bei „[U25]” ist vor allem die, dass Suizidgefahr als Themenfeld präsenter werden muss. Zudem zeigt die Erfahrung in unserer Mailberatung, dass es von den Ratsuchenden als sehr hilfreich empfunden wird, wenn sie trotz ihrer Suizidgedanken als frei entscheidungsfähige Menschen betrachtet werden, da diese Gedanken oftmals „nur” Ausdruck einer Krise, nicht aber Zeichen einer geistigen Unzurechnungsfähigkeit sind. Die jungen Beraterinnen und Berater im Projekt tragen dazu bei, diese Erkenntnisse bei Veranstaltungen oder auch im persönlichen Umfeld bekannt zu machen.

Was können andere daraus lernen

Außenstehende können von „[U25]” lernen, dass vermeintliche „heiße Eisen” –wie Suizidprävention – bei einer speziellen Ausbildung auch von (jungen) Ehrenamtlichen bearbeitet werden können — und das dank des besonderen Peeransatzes (gleiches Alter der Berater und Klienten) auch mit großer Resonanz.

Andere Jugendliche sehen zudem, dass Ehrenamt Sinn macht. Viele Freundinnen und Freunde von aktiven Berater(innen) melden sich, um ebenfalls als Ehrenamtliche(r) bei „[U25]” mitzumachen. Die übergroße Scheu vor dem Thema Suizid zerstreut sich dann im Laufe der mehrmonatigen Ausbildung.

„[U25]” hat sich ebenfalls der Aufklärung über das Tabuthema Suizid verschrieben. Mit Info-Veranstaltungen in Schulen, Universitäten, Vereinen etc. ist „[U25]” in der jeweiligen Stadt präsent und leistet Aufklärungsarbeit über Fakten und Hilfsmöglichkeiten. Dies richtet sich sowohl an potentiell selbst Betroffene als auch an jede andere Person. Gerade selbst nicht betroffene Menschen sind oft erstaunt, dass ein Hinsehen unter Umständen Leben retten kann und Suizidprävention nicht allein Aufgabe der Psychiatrie ist.

Projektzeitraum:

01.07.2011 bis 19.01.2038

Kategorie:

Jugendverband / Jugendring

Kontakt:

Deutscher Caritasverband e.V. - Projekt [U25]

E-Mail:
jakob.henschel[at] remove-this.caritas.de
Web:
http://www.u25-deutschland.de