Heinz-Westphal-Preis

H|W|P - Die Dokumentation

Arsch hoch 2.0

Die Idee

Ostritz ist eine kleine Stadt an der polnischen Grenze, in der sich nicht nur der demografische Wandel bemerkbar macht, sondern auch Schulschließungen sowie die damit einhergehende Freizeitverlagerung der Jugendlichen. Freizeitangebote im unmittelbaren Lebensumfeld sind rückläufig, Schulwege werden immer länger und somit die Zeit für eigene außerschulische Belange kürzer. Damit das Stadt- und gesellschaftliche Leben bunter und belebter wird, haben sich Ostritzer Jugendliche zu der Initiative „Arsch hoch 2.0” zusammengeschlossen, um mit ihren Aktivitäten alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen einzubeziehen und das soziale Für- und Miteinander zu fördern. Der generationenübergreifende Dialog soll gefördert und die Identifikation der jungen Menschen mit ihrem Heimatort gestärkt werden.

Warum ist diese Idee herausragend?

„Arsch hoch” drückt das aus, was die Ostritzer Jugend will: Eigeninitiative zeigen und Ideen haben, die gemeinsam ausgebaut, entwickelt und selbstorganisiert umgesetzt werden. Eigene Verantwortung übernehmen, gesellschaftliche Teilhabe ausüben und sich in das Ortsgeschehen bewusst einmischen. Durch generationenübergreifendes Geschehen wird im Ort etwas bewegt, das allen zu Gute kommt und das demokratische Miteinander stärkt sowie das Leben und die Freizeitgestaltung der Jugendlichen in Ostritz verbessert und das „Wir”-Gefühl verstärkt. Die organisierten Veranstaltungen und unterschiedlichen Aktivitäten berücksichtigen nicht nur verschiedene Bereiche der Freizeitgestaltung und Interessenlagen, sondern sprechen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren an und beziehen sie mit ein. Der Spaltung durch die unterschiedlich besuchten Schulen außerhalb von Ostritz wird entgegengewirkt, indem außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote am Wohnort durchgeführt werden. Unterschiedliche Altersgruppen treten enger in Kontakt und das soziale Klima verbessert sich in Ostritz.

Die Umsetzung

Im Rahmen des Projektes wurde 2012 und 2013 ein Funsport-Park gestaltet. Schließlich wurden am 08. Oktober 2011, 22. Juli 2012 und am 08. September 2013 Kubbturniere durchgeführt. Auch „Faire Frühstücks“ wurden durchgeführt: Das sind gemeinsame offene Frühstückstermine an verschiedenen Orten zu verschiedenen Themen. Themen waren bisher „Faire Trade“,„bewusster Einkauf” und „Kaffee”. Das vierte Frühstück fand dieses Jahr auf dem Marktplatz statt und bezog die Geschichte der Läden rund um diesen mit ein. Im Oktober 2012 wurde außerdem die Ausstellung „Ostritz-Gestern, Heute, Morgen” eröffnet. Jährlich im September feiert die katholische Kirche ihr Kirchweihfest, an dem sich die Jugendlichen immer mit einem eigenen Stand beteiligen — ebenso bei dem jährlichen Weihnachtsmarkt. Ostritz hat ein katholisches Altersheim, das jährlich ein Sommerfest hat. Auch dort bauen Jugendliche Stände mit Ballwerfen, Memory, Kegeln oder Slalom auf und betreuen diese. Ende August 2013 fand darüber hinaus in Ostritz ein zweitägiges Stadtsportfest, an dem sich die Jugendliche ebenfalls mit Sportangeboten beteiligten (Bogenschießen, Lebendkicker).

Welche Auswirkungen hatte das Projekt

In Ostritz gibt es eine evangelische und katholische Gemeinde sowie viele Vereine, die alle sehr aktiv sind — meist aber auf ihren Kreis bezogen. Die Jugendlichen von „Arsch hoch 2.0” haben eine gemeinsame Basis geschaffen. Sie haben bewirkt, dass sich alle für eine gemeinsame Sache einsetzen und über ihren eigenen „Tellerrand” blicken. Jugendliche Belange und Themen werden in der Öffentlichkeit anders, nämlich besser, wahrgenommen. Denn das negative Bild einer „undankbaren” Jugend (zum Teil auch verursacht durch die Medienlandschaft) hat sich zum Positiven verändert. Die ältere Generation nimmt bewusst daran teil, was die Jugend hier bewegt und bewirkt. Die Seniorinnen und Senioren stellen alte Dokumente und Fotos zur Verfügung, nehmen sich Zeit für gemeinsame Gespräche, kommen zu Veranstaltungen und treten in Austausch mit den Jugendlichen. Die Generationen in Ostritz sind enger zusammengerückt und kennen die Bedürfnisse und Belange der anderen besser.

Die Erkenntniss

Bei der Umsetzung der Ideen werden die Jugendlichen zu Akteuren und erfahren gelebte Demokratie, indem sie direkt in das gesellschaftliche Ortsgeschehen eingreifen und dieses gezielt und bewusst mitgestalten können. Dadurch entwickeln sich soziale Kompetenzen, Selbstbewusstsein und auch Freude am Tun. Die Initiative „Arsch hoch 2.0” lässt Ostritz aufleben und verbessert die Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen vor Ort. Durch diese bewusste Mitgestaltung des Ostritzer Gemeinwesens erleben und gestalten die Jugendlichen gesellschaftspolitische Teilhabe und soziale Integration. Sie erlangen Eigenständigkeit, erwerben Kompetenzen und üben bewusste Übernahme von Verantwortung von Anfang an aus. Neues, Kreatives, Zukünftiges schafft sich nicht von allein, dazu bedarf es Leute, die ihren „Arsch hoch” kriegen und etwas bewegen wollen, die andere mitreißen können, um das Lebensumfeld attraktiver zu gestalten.

Was können andere daraus lernen

Wer etwas bewegen will, muss selbst aktiv werden. Junge Leute können sehr wohl durch ihre gesellschaftliche Teilhabe Menschen aus verschiedenen Milieus und Altersgruppen zusammenführen, den intergenerationellen Dialog fördern und den Identifikations- und Verwurzelungsprozess für den Heimatort stärken. Alles ist mit Arbeit verbunden und keine Arbeit ohne Herausforderung. Bei der Umsetzung der Ideen gibt es mitunter Gegenwind, Stagnation und Frust über das „Auf-der-Stelle-treten” — aber man macht viele Erfahrungen, die auch in anderen Lebensbereichen genutzt werden können. Man trifft andere Leute, andere Sicht- und Lebensweisen. Das hilft, den eigenen Horizont zu erweitern. Man hat Ideen, formuliert sie, begeistert andere dafür, muss im Team arbeiten, die ganze Sache öffentlich machen und verantworten. Das bedeutet natürlich auch, dass Fehler auftreten und diese eingestanden werden müssen.

Etwas ändern oder bewegen, eigene Ideen verwirklichen, das machen, was die Jugend will — fühlt sich cool an, schafft Selbstvertrauen und ein Wert-Gefühl. Es lässt sich besser in einem mitgestalteten Umfeld leben, als ständig den Entscheidungen anderer ausgeliefert zu sein. Und durch das ehrenamtliche Engagement wird die Jugend in der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen, das Bild verschiebt sich zum Positiven und die ältere Generation blickt ganz anders auf die Belange von Kindern und Jugendlichen.

Projektzeitraum:

01.02.2011 bis 31.12.2013

Kategorie:

sonstige

Kontakt:

Arsch hoch 2.0

E-Mail:
projekte[at] remove-this.ostritz.de
Web:
http://www.arschhoch-2-0.com